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Die zerstörerische Kraft des Nicht-Denkens

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„Schon Beuys, der Vorreiter der Bewegung, sprach von der demokratisierenden Kraft der Sozialen Plastik. Es geht dabei immer darum, Leute in Verbindung zu bringen, zu Interaktionen zu bewegen und Denkprozesse anzuregen. In einer Mischung aus künstlerischer Inititative und politischem Engagement ist die Soziale Plastik Hilsmittel, Werkzeug und Sprache in einer Kunstform, die zuvorderst immer die Menschen ansprechen und miteinbeziehen will“, erklärt SBKG-Dozentin Anna Adam, die in der Sommerakademie 2017 das Projekt Soziale Plastik für Teilnehmer der SBKG-Weiterbildung Kulturelle Bildung leitete.

Der cleane, einfach recyclebare Pappbecher ist eine Illusion

Projektteilnehmerin Alice Zahn hatte sich als Projektthema die Nachhaltigkeitsproblematik von Coffee2Go-Bechern vorgenommen. Die Ergebnisse ihrer Projektrecherche waren für sie ausgesprochen ernüchternd: Der globale Mitnehmkaffee-Kultur beansprucht erhebliche Ressourcen und erzeugt gigantische Müllberge, deren Recylingfähigkeit fragwürdig ist. „Bei der Herstellung der Pappbecher werden Öle, Lacke und andere chemische Komponenten in einem Maße eingesetzt, dass man schon fast von Sondermüll reden könnte. Der cleane, einfach recyclebare Pappbecher ist eine Illusion“, erzählt Alice Zahn.

Und diese Kaffeebecher werden abermillionenfach täglich in den Müll geworfen. „Diese typische Handlung, wie Leute ihre Becher wegwerfen, war für mein Projekt der zentrale Ansatzpunkt. In dieser unscheinbaren, typischen und gedankenlosen Handlung steckt eine wichtige Mitteilung: Im Nicht-Nachdenken, Nicht-Reflektieren und Nicht-Informiertsein über die Dinge unseres täglichen Lebens steckt eine unglaublich zerstörerische Kraft“, berichtet Alice Zahn.

Positives Nachdenken und flexibles Bewußtsein in der Pappbecher-Kultur

Alice Zahn hat aus diesen Vorarbeiten ein Projekt in Sozialer Plastik entwickelt, das farbenfroh einlädt mitzumachen und dabei anregt, sich Gedanken über den Zusammenhang von eigenem Handeln, Nachhaltigkeit und globaler Ressourcenverschwendung zu machen. „Irgendwo im öffentlichen Raum stehen besonders dekorierte Mülleimer. Darüber installiert schweben Kaffeebecher und große Pfeile, die den Weg des Kaffeebechers – nämlich in den Müll – anzeigen und den Betrachter freundlich einladen, seinen eigenen Kaffeebecher mit einzuwerfen und ihm dabei auf flankierenden Postern einige der aberwitzigen Zahlen der globalen Pappbecher-Kultur mit auf den Weg geben.“

Bei solchen Aktionen, die ja etwas positiv bewegen wollen, sei es wichtig, die Nachricht der Aktion so zu vermitteln, dass niemand das Gefühl erhält, es werde jetzt mit dem Finger auf ihn gezeigt. „Bei meinen Projekt-Installationen war der ästhetische Gedanke, die ganze Müllaffäre wie ein Bonbon zu verpacken, um einen Raum zu schaffen, in dem auch Schönheit entdeckt und positives Nachdenken ein anderes, flexibleres Bewusstsein über die eigenen Handlungen entwickeln kann.“

Körpergroße Schattenfiguren zwischen aufragenden Hochhauswänden

„In der Sozialen Plastik geht es immer darum, Probleme – auch komplexe und heftige Thematiken – sichtbar zu machen. Es geht darum, Menschen zu involvieren, über die Freude am Verwickeltwerden positive Bindungen auch zu schwierigen Themen aufzubauen und Menschen den Mut zu geben, sich einzubringen“, erklärt Anna Adam. Dies zeige sich auch im Projekt von Maleurie Condamine, die neben einem Projekt mit einer Albatrosschwinge im Müll einen Projektentwurf Kunst-Containerdorf für jugendliche Banlieu-Bewohner entwickelt hatte.

„Viele Menschen, vor allem gesellschaftlich benachteiligte Bewohner sozialer Brennpunkte, fühlen sich zu klein, etwas zu bewirken. Der künstlerischen Gruppenprozess aber kann ein Ort sein, in dem Mut und Stolz wachsen können – wie Beuys sagt –, sich wieder als aktiver Teil der Gesellschaft zu fühlen.“ So wie in Maleurie Condamines Projekt, bei dem die Jugendlichen, die später ein Kunstteam bilden sollen, körpergroße Schattenrisse von sich selbst erstellen und diese in eine begehbare Installation mit Schattenfiguren zwischen aufragenden Hochhauswänden integrieren.

„Hier greift das fundamentale Prinzip der sozialen Plastik: Mitmachen! Sich durch optische Selbstreflektion verwickeln, ein Kunstteam bilden und im einem Kunst-Containerdorf eigene, schwierige Thematiken bearbeiten, wäre für sozial benachteiligte Jugendliche eine kraftvolle Möglichkeit, eine eigene, selbstbewusste Position in der Gesellschaft zu entwickeln.“

Die Galerie zum Projekt Soziale Plastik mit Anna Adam …