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Ich fühle was, was du nicht siehst

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Die Workshop-Teilnehmer fassen einander nicht an. Sie kommen sich nah, sie scheinen einander zu berühren, tun es aber nicht. Ungewohnte Körperfiguren entstehen: Menschen wie verknäult und ineinander verschränkt. Die Körperüberung scheint zu funktionieren. Die Stimmung in der Gruppe hat sich merklich entspannt und aufgelockert.

„Vorgabe bei dieser Übung war, in den Raum des anderen hineinzugreifen, ohne den anderen dabei zu berühren. Wie fühlt es sich an, wenn ein anderer in meinen Raum eindringt? Was löst das in mir aus?“, erklärt Ines Stüber-Ishandar, Studentin in der Fachrichtung Kulturelle Bildung an der Schule für Bildende Kunst und Gestaltung (SBKG).

„Ich fühle was, was du nicht siehst“ – diese Variation des bekannten Spieles „Ich sehe was, was du nicht sieht“ war der Titel des ersten von zwei Kunst-Workshops, den Studentinnen der SBKG in Zusammenarbeit mit SchülerInnen und LehrerInnen der Willkommensklassen an der Hans-Litten-Schule im Januar 2017 durchführten. Der Gedanke dahinter: Mit aktivierten Sinnen eine bewusste Auseinandersetzung mit dem ‚Sozialraum‘ anzustoßen und so Sensibilitäten für die kulturell unterschiedlich definierten Arten der Wahrnehmung der Welt und der Mitmenschen zu entwickeln.

Bilder, die soziale Gefüge symbolisieren

Nach der Vorübung dient ein Bild des kongolesischen Künstlers José Kankinda als Vorlage für das praktische Kunstprojekt, bei dem kooperativ und individuell für jeden Workshop-Teilnehmer ein eigenes T-Shirt produziert wird. Kakindas Bilder symbolisieren soziale Gefüge, wobei „Personen werden nicht detailliert gemalt, sondern mit dynamischen, sich anpassenden und schmiegenden Linien und Formen“ dargestellt werden (vgl. Workshop-Konzeptpapier).

Im SBKG-Workshop symbolisieren die Hände der Teilnehmer das soziale Bindeglied. Gemeinschaftlich bedrucken die Workshop-Teilnehmer im ersten Schritt mit ihren in Farbe getauchten Händen die T-Shirts. „Jeder in der Gruppe hat seine Hand dazugetan“, erzählt Ines Stüber-Ishandar. In zweiten Schritt bemalt und bedruckt jeder Workshop-Teilnehmer sein T-Shirt den eigenen Ideen und Vorstellungen folgend.

Wände ertasten, die Augen schließen, nur hören, nach Stille suchen

„Das T-Shirt-Projekt war die logische Fortsetzung der Mindmapping-Übungen vom ersten Projekttag“, erklärt Ines Stüber-Ishandar. Hier hatten die Workshop-Teilnehmer die Nachbarschaft der Kunstschule, in deren Räumen der Workshop stattfand, bei einem Spaziergang der besonderen Art erkundet. Sie sollten nicht nur wie gewöhnlich schauen, sondern ihre Aufmerksamkeit auf ihre anderen Sinneskanäle lenken: Wände ertasten, die Augen schließen, nur hören, riechen, nach Stille suchen und den Wind wahrnehmen.

Nach dem Spaziergang zeichneten sie ihre Wahrnehmungen und Erinnerungen wie ein ‚Mindmapping‘ in der Art des Künstlers Franz Ackermann auf und die gesammelten Ergebnisse wurden zu einer gemeinschaftlichen Collage verbunden. „Welche langfristigen Wirkungen unsere Workshops auf die Willkommensklassen-Schüler haben, können wir nicht abschätzen. Es war aber offensichtlich, dass die Schüler sich untereinander besser kennengelernt und sich als Gruppe gefühlt haben. Das direkte Feedback zum Workshop war auf alle Fälle sehr gut“, berichtet Ines Stüber-Ishandar.

Die Konferenz der Planeten

Der zweite Willkommensklassen-Workshop, diesmal in den Räumen der Hans-Litten-Schule, stand unter dem Motto „Konferenz der Planeten: Vom sich finden, Zeichen setzen und – die Persönlichkeit behautpten“. Die Teilnehmer sollten sich vorstellen, Außerirdische verschiedenster Planeten zu sein, die auf einer ‚Konferenz der Planeten‘ zusammentreffen. Damit sollte den Teilnehmern die Möglichkeit gegeben werden, „sich von der Herkunftsidee zu distanzieren, ohne dabei die eigene Idendität zu verlieren“ (vgl. Workshop-Konzeptpapier).

Als einleitende Lockerungsübung, um in die Fantasie einzutauchen, man sei ein Außerirdischer, diente hier ein Kosmos-Spiel mit VR-Brille, bei dem die Teilnehmer im virtuellen Raum Planeten sehen, anfassen und wegschubsen konnten.

Der Hut auf dem Kopf, die Heimat im Inneren

Aufgabe am ersten Workshop-Tag, war es, ein eigenes planetares Wappen zu erdenken und herzustellen. „Die Schüler sollten überlegen, was für sie besonders wichtig ist und was für eine Welt sie sich wünschen würden. Aus dieser Überlegung sollte ein eigenes Zeichen, ein persönliches planetares Wappen entstehen“, erklärt Ines Stüber-Ishandar.

An zweiten Tag war die Aufgabe, korreliernd zum Wappen den eigenen planetaren Hut zu kreieren. SBKG-Studentin Walentina Richter, die den Workshop leitete, erklärte treffend inwieweit der Hut als Symbol die eigene Persönlichkeit nach draußen tragen kann und zeigte die subtilen Querverbindungen, die zwischen äußerer und innerer Heimat, Sozialraum und eigener persönlicher Darstellung bestehen: „So wie man einen Hut symbolisch als Ausdruck des Inneren äußerlich tragen kann, kann derjenige, der seine Heimat fest im Inneren trägt, also in sich selbst beheimatet ist, überall in ihr leben. Menschen, die jetzt entwurzelt sind, können im Inneren ihre Wurzel suchen und finden. Wie Samen von Pflanzen, die die eigenen Wurzeln in sich tragen, kann jeder, der die eigenen Wurzeln im Inneren findet, auch woanders und fern der Heimat keinem und wurzeln.“

Galerie zum Workshop „Ich fühle was, was du nicht siehst“

Galerie zum Workshop „Konferenz der Planeten“

Galerie Willkommensklassen-Workshop 2016