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Kunst ist kein kriegerisches Mittel

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Einen Moment lang ist die Stille im Raum fast greifbar. Máret Ánne Sara hat erzählt, von welchen Umwälzungen ihre Leute vom Volk der Sámi gerade bedroht sind. „Vor ein paar Jahren tauchten Landkarten auf, auf denen verzeichnet war, welche Bodenschätze im norwegischen Siedlungsraum der Sami lokalisert worden waren. Dann die Minengesellschaft, die versprach, auf dem Wasser zu bleiben und nicht das Land und die Inseln der Sámi zu berühren. Und sich nicht an das Versprechen hielt.“

Ihre Geschichte klingt im für den Beamer abgedunkelten Raum in der Kunstschule, wo Máret Ánne Sara ein Vortragsgespräch hält, unwirklich und unheimlich. Die norwegische Regierung konfrontiert die samischen Rentierhirten mit einem Erlass, der vorsieht, jeder Hirte müsse die Anzahl seiner Tiere reduzieren. Die Überzahl der Tiere gefährde das ökologische Gleichgewicht. Großteile der Herden müssten weg.

Und was da passiert, passiert ganz still, ungehört. „Mein Bruder, der die Herde der Familie übernimmt, war der einzige der gegen den Erlass „Rentierköpfe oder Sanktion“ Einspruch erhob. Er gewinnt; und die Regierung geht sofort in Berufung. Ich erlebe, wie Familien in Streit geraten, zerbrechen, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, die eigene Herde abschlachten zu müssen.“

Die Lebensweise der norwegischen Sami ist bedroht

„Die Lebensweise der norwegischen Sami ist aktuell bedroht. Industrieflächen fressen sich ins Land und beschneiden den Weidegrund und Lebensraum der Sámi.“ Es ist aber viel mehr und subtiler, erklärt Máret Ánne Sara. Mit Entziehung der ökonomischen Grundlage geht die Lebensweise verloren; die Wiederholung der scheinbar unendlichen und traurigen Geschichte der Zerstörung indigener Lebensräume und Kulturen passiert vor ihrer Nase, bei ihren eigenen Leuten, und sie kann kaum etwas tun.

Als sie zur Verkündung des Urteils gegen ihren Bruder, den die Verwaltung irritierenderweise auf einen Nationaltag der Samen gelegt hatte, auf dem Feld vor dem regionalen Gerichtsgebäude eine an den Bauch gehende Installation von 200 geschlachteten Rentierköpfen zu einem Kegel geformt mit einer kleinen norwegischen Flagge obenauf inszeniert hatte, war das kurz in den nordnorwegischen Regionalmedien. „Im wirtschaftlich entscheidenden Südnorwegen kriegt das keiner mit. Da war dann eine kurze Randnotiz über mich als Künstlerin.“

Aus der Runde befragt, inwiefern sie jetzt politische Künstlerin sei, sagt Máret Ánne Sara: „Kunst nutzt andere Mittel als die Politik. Kunst kann man nicht bekämpfen. Wenn die Kunst einen trifft, bleibt sie haften, wirkt und kommuniziert. Die Poiltik hingegen arbeitet in kriegerischen Kategorien.“ Ihre Mittel sind andere, Storytelling und Inszenierung, Darstellung und Frage.

„In der schriftlosen samischen Kultur ist die tradierte mündliche Erzählkunst noch lebendig. Die mythologischen Kniffe der alten Geschichten, die Ebenen der Welten nehme ich in meine Kunst, in mein Schreiben.“

Archaische Motive und moderne Konstruktionen

In der Bilderwelt ihrer grafischen Installation „Madness“ treffen archaische Motive auf moderne Konstruktionen und in ihren Jugendromanen verschwindet das Geschwisterpaar Lemme und Sanne, vom Ruf des Geistes eines verstorbenen Kindes verhext, aus der Realwelt und taucht in gejagdte Rentiere verwandelt im Nebel der samischen Unterwelt auf.

Bei ihrem Vortrag in der Kunstschule ahmt Máret Ánne Sara den markdurchdringenden Schrei des Geistkindes nach und erklärt lächelnd, für den dritten Teil ihres Romanes, an dem sie gerade von einem schwedischen Literaturstipendium unterstützt arbeitet, sei eine theatralische Umsetzung mit noch zu findenden Handlungssträngen geplant.

Illustratorin, Malerin, gelernte Journalistin, Jugendbuchautorin und Theaterfrau, Máret Ánne Saras Auftritt in der Kunstschule bewegt die Zuhörer mit kraftvollem Ausdruck und dem Ausstrahlen einer authentischen Motivation. Es geht um ihr Volk, dessen real bedrohte Lebensweise, Geschichten und Innenwelten mit Wurzeln tief in der Vergangenheit, die Máret Ánne Sara mit ihrer Kunst lebendig hält.

Máret Ánne Sara besucht Berlin im Rahmen der nordischen Kinder- und Jugendliteraturtage Into the Wind, die noch bis zum 3. Juni 2016 stadtweit mit Lesungen und Vorträgen Künstler und Autoren aus nordischen Ländern vorstellen. Auf der die Literaturtage begleitenden Ausstellung ‚Kinderbuch-Illustrationen aus den nordischen Ländern‘ sind noch bis zum 15. Juli in der Humboldt-Bibliothek in Berlin-Reinickendorf beeindruckende Werke nordischer Illustratoren, darunter auch von Máret Ánne Sara, zu sehen.

Beitragsbild: Arbeit aus Máret Ánne Saras Werk ‚Madness‘.